Die DDR-Bürgerrechtlerin Evelyn Zupke hat in einem Zeitzeugengespräch am Kopernikus Gymnasium Bargteheide eindrücklich von Überwachung, Widerstand und den Erlebnissen im Jahr 1989 berichtet. Zupke, die seit 2021 Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur ist, spannte den Bogen von persönlichen Erfahrungen in der DDR über die Aufdeckung der Wahlfälschungen 1989 bis zu den Herausforderungen der Aufarbeitung heute. Victoria Gar, Julia Hofmann, Stiina Recknagel und Sophia Engler leiteten gut vorbereitet durch das Gespräch mit Frau Zupke, die offen und aufgeschlossen auf die engagierten Fragen der Schülerinnen und Schüler des 12. Jahrgangs einging.

Vom Alltag in der Schule und in der Jugend

Schon im Alltag der DDR sei spürbar gewesen, so Zupke, wie Anpassungsdruck und politische Kontrolle das Leben bestimmten – von der Schule bis zum Arbeitsplatz. Sie berichtete von den Besonderheiten des Faches Staatsbürgerkunde und Erlebnissen mit Freundinnen und Freunden sowie Mitschülerinnen und Mitschülern, die unter diesem Druck gelitten haben. Ungerechtigkeit und die fehlende Meinungsfreiheit seien für sie Auslöser gewesen, sich zu engagieren. Sie vernetzte sich in kirchlichen Gruppen. Kirchliche Räume hätten in dieser Zeit für viele Oppositionelle als Schutzraum und Netzwerk gedient.

Repression, Überwachung und Solidarität

Durch ihre Arbeit in oppositionellen Gruppen kam sie auch mit den Methoden der Staatssicherheit in Berührung. Immer wieder wurde sie vorgeladen und befragt. Sie berichtete von Beschattungen, Bespitzelungsmethoden und den drastischen Auswirkungen für die Betroffenen – auch in den Jahren nach dem Ende der Diktatur.

Durch die besonderen politischen Verhältnisse in den 1980er Jahren war sie vor weitergehenden Maßnahmen geschützt. Klare Absprachen, verlässliche Netzwerke und Öffentlichkeit seien so für sie in der DDR Schutz und Strategie zugleich gewesen.

Besonders eindrücklich schilderte Zupke ihre Arbeit im Weißenseer Friedenskreis bei den Kommunalwahlen 1989. Die Oppositionsgruppe fasste den Entschluss, die Wahlfälschungen in der DDR aufzudecken. Sie beobachtete bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 die Auszählungen, dokumentierten Ergebnisse und verglichen sie mit den offiziell veröffentlichten Zahlen. Die Abweichungen belegten schließlich den systematischen Wahlbetrug. Entscheidend sei gewesen, dass dies öffentlich gemacht wurde. Es hat Menschen ermutigt, sich aufzulehnen.

Aufarbeitung und Auftrag für die Gegenwart

Heute setzt sich Zupke als Opferbeauftragte für Anerkennung, Rehabilitierung und Unterstützung von Betroffenen ein – und für eine lebendige Erinnerungskultur, die im Austausch mit den Schülerinnen und Schülern nahbar und erfahrbar wurde. Das zeigte sich auch in der anschließenden Fragerunde. Die Schülerinnen und Schüler interessierten sich besonders für den Alltag unter Beobachtung und die Risiken des Protests. Viele nahmen mit, wie kleine, gut vorbereitete Aktionen große Wirkung entfalten können. Das Gespräch machte deutlich, dass Demokratie verletzlich ist und es aktive Bürgerinnen und Bürger braucht. Außerdem ist es unerlässlich, Kenntnisse über das Leben in der Diktatur zu haben, um die Folgen zu verstehen. Die Erfahrungen von Evelyn Zupke zeigen, dass Mut, Vernetzung und Durchhaltevermögen autoritäre Strukturen herausfordern können.

„Die persönlichen Eindrücke eröffneten uns neue Perspektiven“, berichtet so auch die Schülerin Mia Borgmann. „Das Gespräch hat uns sehr beeindruckt, vor allem die zugewandte Art von Frau Zupke“, so einhellig der Kurs.

„Für die Schule ist es ein lebendiger Beitrag zur Demokratiebildung: Geschichte wird greifbar. Ein großer Dank geht an das Profilseminar Geschichte, das gemeinschaftlich und couragiert das Gespräch vorbereitet und durchgeführt hat.“ (Susann Laatsch, Lehrkraft für Wirtschaft/Politik und Geschichte)